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		<title>Rhuthmos</title>
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		<title>Die Rhythmologie: ein Programm
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		<dc:date>2022-10-09T08:00:00Z</dc:date>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Steffen Schmidt
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&lt;p&gt;Wenn die Uhren der Mitternacht Eine grossm&#252;tige Zeit verschenken Werde ich weiter gehen Als die Vorruderer des Odysseus (J.L. Borges) Ist nicht jedes Drama und jede Kom&#246;die, jedes Schicksal, &#252;berhaupt das ganze Leben, eine Art Zusammentreffen gleichzeitiger und verschobener Rhythmen unterschiedlicher Akteure? Ist nicht der Zeitpunkt, wann etwas passiert, eingebettet in die jeweiligen rhythmischen Verl&#228;ufe wimmelnder Individuen, Zellen und Welten, ebenso bedeutend oder vielleicht (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://www.rhuthmos.eu/spip.php?rubrique30" rel="directory"&gt;Musique et Musicologie &#8211; GALERIE &#8211; Nouvel article
&lt;/a&gt;


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 <content:encoded>&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;div class=&#034;cs_sommaire cs_sommaire_avec_fond&#034; id=&#034;outil_sommaire&#034;&gt; &lt;div class=&#034;cs_sommaire_inner&#034;&gt; &lt;div class=&#034;cs_sommaire_titre_avec_fond&#034;&gt; Sommaire &lt;/div&gt; &lt;div class=&#034;cs_sommaire_corps&#034;&gt; &lt;ul&gt; &lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Am Anfang war das Wort&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_0'&gt;Am Anfang war das Wort&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Theorie / Erfahrung&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_1'&gt;Theorie / Erfahrung&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Raum - Zeit&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_2'&gt;Raum - Zeit&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Zeitgestaltung: Diagnose der Gegenwart&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_3'&gt;Zeitgestaltung: Diagnose der Gegenwart&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Arbeit am Rhythmus&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_4'&gt;Arbeit am Rhythmus&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Wahrnehmung&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_5'&gt;Wahrnehmung&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Geschichte&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_6'&gt;Geschichte&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Konzeptualisierungen von Zeit und Rhythmus&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_7'&gt;Konzeptualisierungen von Zeit und Rhythmus&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Rhythmus in der Musik&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_8'&gt;Rhythmus in der Musik&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Methoden des Messens - Prozessuale Balance&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_9'&gt;Methoden des Messens - Prozessuale Balance&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Neue Perspektiven - die kulturelle Rhythmologie&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_10'&gt;Neue Perspektiven - die kulturelle Rhythmologie&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Rhythmologie und Kommunikation&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_11'&gt;Rhythmologie und Kommunikation&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Rhythmologie als Zeitmanagement&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_12'&gt;Rhythmologie als Zeitmanagement&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Arbeit am Rhythmus - anstatt Arbeit und Rhythmus&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_13'&gt;Arbeit am Rhythmus - anstatt Arbeit und Rhythmus&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a title=&#034;Abschliessende Bestimmung: Kulturelle Rhythmologie und prozessuale Balance&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire_14'&gt;Abschliessende Bestimmung: Kulturelle Rhythmologie und prozessuale Balance&lt;/a&gt;&lt;/li&gt; &lt;/ul&gt; &lt;/div&gt; &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;&lt;blockquote class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;DIV ALIGN=RIGHT&gt;&lt;i&gt;Wenn die Uhren der Mitternacht&lt;/i&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;Eine grossm&#252;tige Zeit verschenken&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;Werde ich weiter gehen&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;Als die Vorruderer des Odysseus&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;i&gt;(J.L. Borges)&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;DIV/&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Ist nicht jedes Drama und jede Kom&#246;die, jedes Schicksal, &#252;berhaupt das ganze Leben, eine Art Zusammentreffen gleichzeitiger und verschobener Rhythmen unterschiedlicher Akteure? Ist nicht der Zeitpunkt, wann etwas passiert, eingebettet in die jeweiligen rhythmischen Verl&#228;ufe wimmelnder Individuen, Zellen und Welten, ebenso bedeutend oder vielleicht sogar bedeutender als, bzw. wie, dasjenige, was passiert?&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_0&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Am Anfang war das Wort&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Rhythmus ist &#252;berall, aber dennoch wissen wir in der Regel wenig von seinen Eigenschaften. Das Wort selbst besitzt keinen wirklichen Zauber - wie etwa Zeit, oder Raum eine Aura besitzen - eher entstehen beim Klang des Wortes Stereotypen, wie Bilder des Schunkelns, oder des geschmeidigen Afrikaners, oder der Dampfmaschine, wissenschaftliche Zahlenreihen oder allenfalls Rhythm n blues. Gelegentlich steht auch eine fast mystische Erfahrung von Gesamtheit in Verbindung mit dem Rhythmus. Im Wort selbst schwingen unterschiedlichste Konnotationen zersplitterter Kulturteilchen mit, die von den Versmassen der Antike &#252;ber die verlorene Urspr&#252;nglichkeit bis hin zu modernen Wissenschaftszweigen wie der Chronobiologie reichen; zu vielschichtig und paradoxerweise zu einsilbig wiederholt schimmert das Wort zwischen Sagen der Weltentstehung, n&#252;chtern verstiegenen Wissenschaften, K&#252;nsten am Rande der Spiritualit&#228;t und allt&#228;glichen Zuschreibungen.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_1&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Theorie / Erfahrung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Wenn gebildete Akademiker wie Oliver Sacks von Musik als einer K&#246;rpererfahrung berichten, oder Schriftsteller wie Haruki Murakami &#252;ber das Lauf-Erlebnis philosophieren, auch wenn Michel Houellebecq das Zielen mit dem Gewehr beschreibt, wird der Rhythmus beschworen. Das sagt meist viel und beinhaltet noch mehr, aber eben als Ausdruck einer komplexen Erfahrung. Komponisten sind da weitergegangen, sie haben Rhythmus nicht nur reflektiert, sondern auch mit ihm experimentiert: John Cage, der sich in seinem fr&#252;hen Werk sehr intensiv mit Rhythmus auseinandersetzte, ging davon aus, dass wir in einem universellen Rhythmus geborgen sind und den wir nur h&#246;ren, wahrnehmen, notieren m&#252;ssten, aber nicht st&#246;ren sollten. Olivier Messiaen sch&#228;rfte die Wahrnehmung f&#252;r die unterschiedlichsten Zeitebenen der Natur, die er rhythmisch in Beziehung setzte: Insekten, V&#246;gel, Menschen, das Universum &#8230;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Als griechisch lateinisches Lehnwort verf&#252;gt Rhythmus &#252;ber eine aparte Orthographie, das &#8218;h&#8216; hinter den harten Konsonanten, eingebettet das exotische y &#8230;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Wozu ihm eine besondere, zus&#228;tzliche Beachtung und Betrachtung verleihen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Weil das Ph&#228;nomen, oder eher die Ph&#228;nomene, die der Rhythmus bezeichnet, ebenso faszinierend wie grundlegend sind. Rhythmus ist mehr als nur eine Denkfigur, er impliziert Erfahrungen. Das macht es so schwierig, sich &#252;ber ihn zu verst&#228;ndigen. Rhythmustheorien sind daher nur Ann&#228;herungen, die zudem so widerspr&#252;chlich und verstrickt sind wie das Dickicht eines Dante'schen Waldes. Sie sagen verk&#252;rzend in ihrer langatmigen Genauigkeit meist weniger aus, als verdichtende literarische Umschreibungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Rhythmen umgeben uns - Tag und Nacht, Stunden und Minuten, Monate und Jahre. Ebenso machen die Bio-Rhythmen uns aus, sie arbeiten als innere Uhren in uns: Atmung, Herzschlag, das Gehen, Wachen und Schlafen. Die Geschichte des Universums, der Erde, der Menschheit durchlaufen Rhythmen und Zyklen wie die B&#246;rse, die Fortpflanzung und der Verkehr. Alles Ph&#228;nomene, die das Sein bestimmen und einem &#8218;inneren Rhythmus&#8216; folgen, der so komplex ist, dass er die M&#246;glichkeiten der Erkenntnis zu &#252;berschreiten scheint. Jedes Individuum atmet anders, schl&#228;ft anders, jedes Herz schl&#228;gt in seinem eigenen Rhythmus. Es gibt einen Eigenrhythmus, der uns als Individuum in der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit ausmacht. Und es gibt einen Gesellschaftsrhythmus, der als normierte Taktung das Individuum massgeblich von aussen bestimmt. Wenn wir den Rhythmus zum Gegenstand der Betrachtung machen, steigen wir in unterste, in der Regel verborgene Seinsschichten hinab, sei es der lebendige Organismus, die kosmische Struktur, t&#228;gliche Arbeit oder das gesellschaftliche Gef&#252;ge. Alles funktioniert durch Rhythmus. Und gerade deshalb muss er &#8218;nur&#8216; funktionieren, sonst ger&#228;t das Seinsgef&#252;ge ins Wanken, oder besser: entsteht aus Gewissheit eine Frage. Die Frage nach dem Rhythmus ist eine Frage nach der Existenz selbst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Es besteht ein Konflikt- und Kreativpotential im Rhythmus. Das aber erkennen wir erst, wenn Rhythmus erfahren wird. Und das findet bereits sehr fr&#252;h statt, n&#228;mlich im Mutterleib. Embryos nehmen bereits schon die Stimmen der Aussenwelt wahr, sie h&#246;ren Schrittfolgen. Untersuchungen in der Kardiophysiologie fanden komplexe Strukturen in der Beziehung von Herzschl&#228;gen zwischen F&#246;tus und Mutter heraus, wo es um das Wechselspiel von Autonomie und Synchronisation ging. Das ersch&#246;pft sich nicht in einem einfachen &#8218;doppelt-so-schnell&#8216; des fetalen Herzrhythmus. Komplexe rhythmische Bildungen in teils nonlinearen oder konfligierenden Konstellationen (im Verh&#228;ltnis 4:3 z.B.) erzeugen die symbiotische Beziehung der Organismen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Den Herzrhythmus h&#246;ren wir nicht nur, wir sp&#252;ren ihn. Und hier beginnt die rhythmische Erfahrung, die multimodal ist und mehrere Sinne umschliesst. Nicht nur das. Die Rhythmuserfahrung, ins Vorgeburtliche datierend, ist nicht einfach eine lineare Abfolge von Impulsen; vielmehr ist es das gleichzeitige Zusammenwirken verschiedener Ebenen, die in sich einen Eigenrhythmus, eine innere Uhr tragen. Dementsprechend sind es polyrhythmische Gebilde, mit denen wir h&#246;rend und erlebend vom Beginn unseres Lebens konfrontiert sind. Rhythmuserfahrung umfasst strukturell kognitive und k&#246;rperliche Erfahrung. Sie reicht in tiefste Seinsschichten hinab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Mehr und mehr wurde in der neueren Zeit durch Differenzierung wissenschaftlicher Betrachtung und durch die zunehmende Komplexit&#228;t der Gegenst&#228;nde die Gleichzeitigkeit verschiedener Rhythmen wie in einer vielstimmig verstrickten Polyphonie erkannt. Ein &#252;bergeordneter Rhythmus, der die unterschiedlichen Ebenen zusammenbinden k&#246;nnte, ging allm&#228;hlich verloren. So erscheint eine g&#228;ngige Rhythmuslehre lediglich sinnvoll anwendbar auf sehr elementaren Ebenen, die sich im Prozess differenzierender Betrachtung in andere Begrifflichkeit wie Form, Prozess etc. aufl&#246;st. Damit einher geht meist eine Entzeitlichung der Ph&#228;nomene.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Doch da setzt genau das geschichtliche und theoretische Problem von Rhythmus und seine zentrale Bedeutung an.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_2&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Raum - Zeit&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Rhythmus bezeichnet einen zeitlichen Vorgang mit zyklischem Charakter. Meist handelt es sich bei den Begriffen von Rhythmus und Zyklus um den Unterschied zeitlicher Gr&#246;ssenordnung. So sprechen wir vom Biorhythmus, aber vom Menstruations- und vom Jahreszyklus. Beides k&#246;nnte auch umgekehrt benannt werden, ist also austauschbar. Aber w&#228;hrend Rhythmus f&#252;r die kleineren Gr&#246;ssenordnungen wie etwa Versmasse verwendet wird, beschreibt der Zyklus Perioden langer Dauer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Das w&#228;re eine erste Definition von Rhythmus, seine Zeitlichkeit in k&#252;rzeren Abschnitten. Aber stimmt sie auch? Was ist gemeint, wenn Menschen vom Rhythmus eines Bildes, eines Fotos, wom&#246;glich einer Architektur sprechen? Handelt es sich bei diesen visuellen Medien um einen zeitlichen Vorgang, oder ist vielmehr eine gestalterische Komponente gemeint, die das Gezeigte in regelm&#228;ssige Teile, in eine besondere Linie, eine besonders geschwungene z.B. unterteilt? Rhythmus besitzt diesen obskuren Charakter, f&#252;r zeitliche und r&#228;umliche Ph&#228;nomene in Anspruch genommen zu werden; was nicht wirklich vollkommen &#252;berraschend ist, da das abendl&#228;ndische Denken (vielleicht nicht nur das) h&#228;ufiger einen Austausch r&#228;umlicher und zeitlicher Begriffe vornimmt, etwa wenn ich mit &#8222;ungef&#228;hr drei Minuten&#8220; antworte auf die Frage, wie weit der Bahnhof entfernt ist. Diese Verbindung von Rhythmus in Raum und Zeit ist bereits in der Antike (bei Aristides Quintilianus z.B.) angelegt und hat sich seitdem bis in die Gegenwart fortgeschrieben. Rhythmus bezeichnet ganz allgemein eine Gliederung, was auch einer &#220;bersetzung von Rhythmus entspricht, sei die Gliederung zeitlich oder auch r&#228;umlich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Wenn Rhythmus betrachtet, erfahren, analysiert wird, begibt man sich auf eine Reise in die Zwischenr&#228;ume von Raum und Zeit, in die Unterschiedlichkeit und &#220;berschneidung, vielleicht sogar in die Verwirrungen der Ma&#223;st&#228;be und Gr&#246;ssenordnungen und ihre &#220;berg&#228;nge. Als Hans Richter seinen fr&#252;hen Film Rhythmus 21 ver&#246;ffentlichte, waren es nicht nur Aspekte des Zeitlichen, die den Rhythmus ausmachten. Auch Kontrastbildungen des Schwarzweiss, Bewegungen der Gegenl&#228;ufigkeit waren als optische Tr&#228;ger der rhythmischen Organisation unterworfen. Rhythmus ist ein Spiel mit der Wahrnehmung, die stets einem zeitlichen Prozess folgt, wie ebenso mit Normen und Denkvorstellungen (und deren Durchbrechung), die bis in die Sprache hineingewachsen sind. Eine etwas kryptische Passage aus Deleuze / Guattaris 1000 Plateaus umschreibt daher letztlich sehr treffend die Wahrnehmung von Rhythmus.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote class=&#034;spip&#034;&gt;
&lt;p&gt;&#8230; der Rhythmus (ist) das Ungleiche, Inkommensurable, das st&#228;ndig transponiert wird. Das Mass ist dogmatisch, aber der Rhythmus ist kritisch, er verkn&#252;pft kritische Momente. Er wirkt nicht in einem homogenen Zeitraum, sondern operiert mit heterogenen Bl&#246;cken. Er &#228;ndert die Richtung. &#8230;(1000 Plateaus, 427)&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Was diese Betrachtung deutlich macht ist eine grundlegende Perspektive der Kritik, wie sie die Musik f&#252;r die letzten Jahrhunderte herausgearbeitet hat. Das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen Rhythmus und Metrum. W&#228;hrend der Rhythmus das ganz individuelle Gebilde von Musik bezeichnet, die verschiedenen L&#228;ngen und K&#252;rzen von T&#246;nen, so setzt das Metrum (das Mass) dagegen einen festen Rahmen, indem sich die Individualit&#228;t entfalten kann. Gewissermassen k&#246;nnte man sagen, dass das Metrum den gesellschaftlichen Rahmen markiert, der Rhythmus das Individuum. Doch das ist zu einfach gedacht. Denn Rhythmus nistet sich ein in die Prozesse unterschiedlichster Ebenen, in der Musik: Klangfarbe (Instrumente), Dynamik, Tonh&#246;hen &#8230; Daher trifft die oben erw&#228;hnte Betrachtung, mag sie auch zun&#228;chst kryptisch sein, zu, da sie den Rhythmus als &#220;bergang und als kritischen Augenblick markiert, als Ausbruch aus dem Reglemtierten, der in unendlich vielen Aspekten auftreten kann. Das rettet den Rhythmus als Lebendiges, als st&#228;ndiges Werden gegen&#252;ber einem Mass, das stets zu erstarren droht. So k&#246;nnen wir, im Fall des Auffindens geeigneter analytischer Werkzeuge und passender Analogien, das Verh&#228;ltnis von Individuum und Gesellschaft auf rhythmisch metrischer Ebene beschreiben. Allerdings in sehr viel differenzierterer Form, als es der klassische Rhythmusbegriff der Musik nahelegen w&#252;rde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Mit der Deleuze'schen Definition ist nur die eine Ebene des Rhythmus benannt, die indivdualisierende, hingegen der musikalische und auch der von Hegel verstandene Begriff Regel und Durchbrechung im gegenseitigen Verh&#228;ltnis erfasst. Vergleichbar etwa mit dem juristischen Recht und der vorliegenden Tat, die im Widerspruch dazu steht (die Beispiele k&#246;nnen zahllos vermehrt werden, die Struktur ist stets die gleiche). Die Tat w&#228;re ohne Gesetz schlicht nicht zu bewerten. Das wiederum w&#228;re das Ende jeglicher theoretischen Betrachtung. Man bef&#228;nde sich auf Neuland. Diesen waghalsigen Versuch hat die Neue Musik seit Sch&#246;nberg verfolgt: mit dem Problem, dass sie sich der Waghalsigkeit kaum bewusst zu sein scheint, mit Ausnahme von Anton Webern.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_3&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Zeitgestaltung: Diagnose der Gegenwart&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Offener Gesellschaft mangelt es an Verbindlichkeit. Jeder ist seines eigenen Gl&#252;ckes Schmied. Normen und Rituale wie der sonnt&#228;gliche Gang zur Kirche betreffen Einzelne, deren Bindung entweder besonders stark, oder aber frei gew&#228;hlt ist. Generell kann sich Jede/r die Freizeitgestaltung selbst aussuchen. Folge davon ist nicht nur eine Freiheit, ebenso entsteht eine Gestresstheit oder auch eine Verlorenheit der Individuen, die sich einer Selbstverantwortung gegen&#252;bersehen, die sie in Anbetracht eines herausfordernden Arbeitsalltags nur schwer leisten k&#246;nnen. Und der Arbeitsalltag wiederum ist auch nicht mehr ein &#8218;9 to 5&#8216; Zeitabschnitt, sondern sehr viel st&#228;rker individualisiert als fr&#252;her. Auf der Ebene des Rhythmus ausgedr&#252;ckt entspricht dies dem Verlust des Metrums, das den allgemein verbindlichen, gesellschaftlich normierten Rahmen erzeugt, zugunsten einer Alleinherrschaft individueller Rhythmen, denen der Bezugsrahmen fehlt. Um dieser herausfordernden Offenheit begegnen zu k&#246;nnen, wenden sich immer mehr Menschen Weltbildern der Verbindlichkeit, der Anbindung, der Religion oder des K&#246;rperkults (Fitness) zu, um das Leben bestehen zu k&#246;nnen. Sie schaffen sich ihr eigenes Metrum. Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn sie ist es, die es zu gestalten gilt, zu planen, zu gliedern, wie etwa Altersvorsorge, Karriere, Beziehungs- und Familienplanung etc.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Wenn wir von gegliederter oder gestalteter Zeit sprechen, meinen wir Rhythmus. Rhythmen ergeben sich einerseits aus nat&#252;rlichen Gegebenheiten wie Tag und Nacht, Jahreszeiten etc., aber auch aus gesellschaftlich vereinbarten Verl&#228;ufen, wie Arbeit, Freizeit, Ferienzeit, Wachen-Schlafen etc.. Zwischen der allgemein gesetzartigen Rhythmusgestaltung bleibt Spielraum f&#252;r die eigene Gestaltung, die Eigenzeit. Am Rhythmus entz&#252;ndet sich die Verbindung von allgemein Verbindlichem und individuell Gestaltbarem, die Begegnung von Individuum und Gesellschaft. Und dies als tats&#228;chliche Lebensgestaltung. Safranski schreibt in seinem Zeitbuch, dass die Zeit eine politische Gr&#246;sse ist, die es zu ber&#252;cksichtigen gilt, was Politiker bis heute nicht verstanden h&#228;tten. Dies ist eine sehr berechtigte Beobachtung. Safranski wiederum geht aber nicht auf die Zeitgestaltung ein, die besonders politisch ist: Die Gestaltung von Rhythmen. Begriffe wie Rand-, Stoss- und &#214;ffnungszeiten sedimentieren sprachlich die gesellschaftliche Verordnung eines Rhythmus im Grossen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Entscheidend in dieser Geschichte der rhythmischen Lebensgestaltung ist der Begriff der Eigenzeit, ausgehend vom &#8218;tempus suum&#8216; des r&#246;mischen Denkers Seneca, der von Helga Nowotny in den 80er Jahren prominent gemacht wurde. Die Eigenzeit ist jene Zeit, in der sich das Individuum (vermeintlich ungehindert) entfalten darf. Im 20. Jh. der Nachkriegszeiten war dies im Zuge der Kapitalismuskritik bewusst und kenntlich gemacht im Begriff der Entfremdung. Durch den Turbokapitalismus im 21. Jh. wird diese Perspektive erstaunlicherweise problematisch. Selbst aus den Lagern, die sich selbst als links bezeichnen, gilt die Diskussion zur Entfremdung als &#252;berholt. Menschen stehen als Human Ressource f&#252;r den Arbeitgeber oft nonstop zur Verf&#252;gung, die klaren Trennungen und Einforderungen von Frei- und Arbeitszeit diffundieren, die Rhythmen werden allzu kompliziert oder sind gest&#246;rt und un&#252;bersichtlich. Kaum eine Netflix-Serie, die ohne diesen Rhythmus-Konflikt zwischen Familie und Arbeit ausk&#228;me. Entfremdung wird als Kritikpunkt politisch entwertet, Arbeit allgegenw&#228;rtig als Selbstverwirklichung proklamiert. Die viel beschworene Work-Life-Balance verkommt zur spiessigen Worth&#252;lse.Eine Selbstverwirklichung, die sich im Zuge der Beschleunigungslogik den wirtschaftlichen Pr&#228;missen unterwirft und die Eigenzeitlichkeit aufgibt. H. Rosa hat im Modell der Resonanz eine Kritik an dieser Logik formuliert und eine Entschleunigung bei h&#246;herer Bewusstheit der Prozesse untersucht und eingefordert. Solche grossr&#228;umigen Entw&#252;rfe sind gut gemeint, treffen aber nur selten dasjenige, wovon sie eigentlich sprechen. Resonanz als kommunikative und lebensweltliche Ressource produktiv zu machen, findet nicht in idealistisch verordneten Weltbildern statt, sondern ereignet sich im kleinen, in der Begegnung von Individuen und Gruppen. Etwa im Gespr&#228;ch. Als Fernsehzuschauer von Talkshows ist man Zeuge von Situationen, wo sich die Gespr&#228;chspartner permanent ins Wort fallen, die Redezeit ungerecht verteilt wird. Meist wird dem Fehlverhalten vom Moderator auch noch stattgegeben. Was w&#228;re also das Gegenteil von Resonanz? Wom&#246;glich Konkurrenz. Vielleicht w&#228;re ein sinnvoller Ausgangspunkt, um das Problem zu erkennen und zuzuspitzen, von einem Zeitkrieg auszugehen, wie es das Musikfestival Maerzmusik 2018 vorgeschlagen hatte. Der Kampf um Sendezeiten und Einschaltquoten, ein immens rhythmisches Ph&#228;nomen, w&#228;re ein wohl passendes Thema.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_4&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Arbeit am Rhythmus&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Seit 6 Jahren unterrichte ich ein Theoriemodul zum Thema Rhythmus. Ziel dieser Veranstaltung ist, die ebenso grosse Perspektive von Natur und Gesellschaft auf rhythmische Perspektiven, also den Zyklus-Charakter zu befragen, wie Prozesse von Rhythmen in der k&#252;nstlerischen Arbeit &#8211; sowohl zeitlich/r&#228;umlich strukturierend wie auch &#228;sthetisch &#8211; zu reflektieren. Wenn wir gestalterisch t&#228;tig sind, arbeiten wir automatisch immer rhythmisch, aber wir produzieren auch Rhythmen in unseren Werken. Gibt es da einen Austausch? Welchen Rhythmusbegriff legen wir - in der Regel implizit - unserem Tun zugrunde, welche Rhythmen reproduzieren wir teils unbewusst und lenken damit die Erfahrung und Wahrnehmung Anderer? Kann ein bewusster Umgang mit Rhythmus im Alltag und der Arbeit, auch in der freien Zeit, helfen, das Pensum besser zu bew&#228;ltigen, die Zeit besser zu gestalten?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Mit der Besch&#228;ftigung von Rhythmus gelangen wir auf die Ebene, bevor Dinge anfangen, etwas zu bedeuten. Wir gelangen an den zeitlichen Charakter der Dinge, an ein zeitliches Da-sein, das aber immer auch schon Bedeutung in sich tr&#228;gt. Ein Zeit-Ort gewissermassen, der in der Geografie der Wahrnehmung eine Bedeutung besitzt, derer wir schon nicht mehr gewahr werden, weil sie zu den verschwiegenen Selbstverst&#228;ndlichkeiten geh&#246;rt, die nicht mehr ins Bewusstsein gelangen. Gerade dies aber macht den Rhythmus interessant, denn aus ihm leitet sich Bedeutung ab, ist pr&#228;figuriert in einem Schema, das das Denken massgeblich bestimmt: bedeutend-unbedeutend, oben-unten, schwer-leicht, lang-kurz, langweilig-interessant. Alles Oppositionen, die eingespannt sind in das rhythmische Schema von Hebung und Senkung, von Arsis und Thesis, von Zeichen und Zwischenraum. Das erinnert an die Definition der Chora, wie sie Julia Kristeva vorgenommen hatte und tats&#228;chlich verweist auch sie auf den Wert von Rhythmus und Klang, der sich im Vor-Ort der Bedeutung als Matrix f&#252;r sp&#228;tere Bedeutungen (Signifikation) manifestiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Aber nat&#252;rlich auch umgekehrt, das Denken bestimmt den Rhythmus, der als Ph&#228;nomen in die Denkoperationen eingespeist wird und seine Normativit&#228;ten gewinnt. Gerade in der Konfrontation von Ph&#228;nomen und Theorie entz&#252;ndet sich die Erfahrung eines Denkexperiments, das Grundlagen der Gesellschaft in den Fokus stellt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_5&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Wahrnehmung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Rhythmus ist &#252;berall, dies ist eine schlichte Tatsache. Aber die Wahrnehmung ist in der Regel nicht auf ihn fokussiert. Was passiert, wenn ich beginne, bewusst den Rhythmus wahrzunehmen? Zun&#228;chst sucht meine Wahrnehmung &#252;berhaupt nach Rhythmen, was dazu f&#252;hrt, dass ich den umgebenden Raum h&#246;rend und sehend abtaste und ihn mit meiner T&#228;tigkeit ins Verh&#228;ltnis setze. Pl&#246;tzlich werden mir die Ger&#228;usche der vorbeifahrenden Autos bewusst, die in ihrer Verlaufskurve eines crescendo-decrescendo ein legato erzeugen. Ich werde mir bewusst, dass ich zwei Schlucke aus der Teetasse getrunken habe, dass mein Atem ruhig l&#228;uft und meine Finger &#252;ber die Tastatur huschen, von einzelnen Pausen durchbrochen. Das hat alles nichts miteinander zu tun und gleichzeitig doch sehr viel. Es ist meine Lebenswelt, ein unwiederbringlicher Moment, der sich einbettet in gewohnheitsm&#228;ssige Umgebungen, die mir dabei helfen, meinen pers&#246;nlichen Schreibrhythmus zu finden. In diesem Sinne ist Rhythmus eine Form der Pr&#228;senz&#252;bung, eine Distanzierung einerseits, damit verbunden eine Herstellung von Beziehungen und Relationen andererseits. Es ist das, was Deleuze in seiner Filmtheorie als Bewegungsbegriff zugrunde gelegt hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Was den Rhythmus aber noch interessanter macht, ist die aktive Wahrnehmung, die gleichzeitig nicht eingreifen darf. In Hegels Ph&#228;nomenologie findet sich eine interessante Passage, die den Rhythmus gleich in zweifacher Weise benennt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Was nun erstaunlich ist, dass der Komponist John Cage gar nicht weit von diese Auffassung entfernt ist. Den kosmischen Rhythmus nicht zu st&#246;ren beim Schreiben von Noten, entspricht ziemlich genau der nicht einschreitenden Wahrnehmung von Gedankeng&#228;ngen bei Hegel. Schliesslich finden sich Roland Barthes &#220;berlegungen zum gleichschwebenden Zuh&#246;ren des Psychologen (Freud), der die erst durch das Nichtst&#246;ren der Erz&#228;hlung des Patienten die Br&#252;che bemerkt: Rhythmenwechsel. Aber das ist meine Interpretation.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_6&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Geschichte&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Der Rhythmus in der westlichen Gesellschaft wurde in seiner umfassenden Bedeutung (wieder) entdeckt zu Beginn des 20. Jh., als Mensch und Machine sich ein Stelldichein lieferten, das die Menschheit f&#252;r immer ver&#228;ndern sollte. Heute sind wir an dem Punkt, an dem die Maschine die F&#252;hrungsrolle &#252;bernommen hat. Wir folgen den Algorithmen. Unsere Rhythmen sind davon betroffen, aber nicht grundlegend ver&#228;ndert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Rhythmus bezeichnet den Wandel schlechthin. Nicht nur in der Offenheit gegen&#252;ber dem Zeitlichen, sondern auch in der Stabilit&#228;t von Zeit. Die Verschr&#228;nkung von Wiederholung und Ver&#228;nderung. Eine Verschr&#228;nkung, die es uns erm&#246;glicht, die Welt zu erkennen, wie ebenso die Grenzen dieser Erkenntnis. Je nach dem, welche Komponente von Rhythmus man betont und einseitig in den Vordergrund r&#252;ckt, Wiederholung oder Ver&#228;nderung, dem entsprechend ist das Weltbild gepr&#228;gt von Stagnation und Unflexibilit&#228;t in metrisch orientierten Theorien, oder von Draufg&#228;ngertum und Unwissenheit auf Seiten der freien Rhythmik. Das mag pointiert verk&#252;rzend klingen, aber genau um die Aufdeckung dieser Einseitigkeiten ginge es. Erst in dem Zusammenspiel von Wiederholung und Ver&#228;nderung ist das Erkennen von Wandel und die Gestaltung von Offenheit m&#246;glich, in Form einer prozessualen Balance.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Prozessuale Balance dient als Versuch undogmatischer Beschreibung zeitlicher Prozesse von Ebenen, die einen Zusammenhang besitzen. Wie etwa reagiert der K&#246;rper bei dem Entrainment von Umweltver&#228;nderungen? Der Jetlag ist daf&#252;r ein prominentes Beispiel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Das 20. Jahrhundert ist gekennzeichnet von der Entdeckung von Zeitlichkeit. Heideggers &lt;i&gt;Sein und Zeit&lt;/i&gt;, Husserls &lt;i&gt;Ph&#228;nomenologie des inneren Zeitbewusstseins&lt;/i&gt;, Bergsons Unterscheidung von &lt;i&gt;Temps espace&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Temps dur&#233;e&lt;/i&gt; f&#252;hrten zu Untersuchungen und Perspektivwechsel, die ebenso die Wahrnehmung selbst wie die Gestaltung des Lebens und der Lebensumst&#228;nde ver&#228;nderten. Technische Erfindungen haben in den Haushalt der Zeit eingegriffen, die Waschmaschine, das Auto, der Computer. Die westliche Welt befindet sich in einer rasanten Beschleunigung, die nicht nur positiv bewertet wurde. &#220;berlegungen von Entschleunigung und Langsamkeit wurden prominent ins Feld gef&#252;hrt. Die Erkenntnis von Beschleunigung selbst basiert auf der Erkenntnis von Rhythmus. Wir k&#246;nnten die Beschleunigung nicht wahrnehmen, wenn es nicht zuvor eine mess- oder erkennbare Langsamkeit, relativ zur Beschleunigung gegeben h&#228;tte. Anstatt aber dieses Wissen dem Rhythmus zuzuschreiben, bedient sich die Wissenschaft Begrifflichkeiten, die stets das zeitliche Moment aus dem Blick verlieren, ent-zeitlichen. Ein ein in letzter Zeit dramatisches Beispiel dieser Entzeitlichung ist die so genannte Neue Ph&#228;nomenologie, die nach Schmitz vor allem durch G. B&#246;hme prominent gemacht wurde. Sein Konzept der Atmosph&#228;ren, das zu zahlreichen Untersuchungen in der &#196;sthetik f&#252;hrte, beschreibt B&#246;hme zun&#228;chst nachvollziehbar als die Leiberfahrung von Raum. Aber die damit verbundene Entzeitlichung des Begriffs von Raum und Wahrnehmung muss gerade in der Nachfolge der Ph&#228;nomenologie schockieren, nachdem Husserl und Merleau-Ponty die zeitlichen Grundlagen der Wahrnehmung herausgearbeitet hatten. Der Atmosph&#228;renbegriff w&#228;re daher zu verzeitlichen als Wahrnehmung eines zugrundeliegenden Pulses, einer Qualit&#228;t von Ruhe oder Unruhe, entstehend durch Langsamkeit oder oder Geschwindigkeit. Murray Schafer, der grosse Theoretiker des Sound designs, hatte die Erfahrungen von Soundscapes entwickelt. Auch hier finden sich nur unzureichend zeitliche Ebenen f&#252;r das, was hinterher massiv bewertet wird. Die positive Naturlandschaft und die negative Industriewelt. Aber stellen wir uns eine Landschaft vor, in der der Wind tobt und so viele V&#246;gel zwitschern wie in Hitchcocks Birds; stellen wir uns umgekehrt eine Industrielandschaft vor, in der eine Lokomotive aus der Stille heraus einsam ihren Pfiff ert&#246;nen l&#228;sst (antiquiertes Beispiel, stimmt). Pl&#246;tzlich w&#252;rde sich das positive und negative verkehren. Entscheidend w&#228;re die zeitliche Dimension von Ruhe, die ein einzelnes Ereignis aus der Stille heraustreten l&#228;sst. Zudem auch, da hier eine aisthetische Annahme vorliegt, die zeitliche Gestimmtheit des wahrnehmenden Subjekts, worin sich Erwartungen abspielen, die einen zeitlichen Horizont abstecken. Solch ungenaue Argumentationen f&#252;hren stets zu Missverst&#228;ndnissen, die sich am Ende fatal f&#252;r die Analyse und damit verbunden die Konzeptualisieren von Ph&#228;nomenen auswirken k&#246;nnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
F&#252;r eine genauere zeitliche Perspektive aber bedarf es einer Revision des Rhythmusbegriffs selbst, der als Begriff nicht nur Metrum und Dauernvariationen umfassen sollte, sondern auch das Tempo, die Geschwindigkeit. Wenn wir eine Be- oder Entschleunigung erfahren, handelt es sich um eine Steigerung oder Abnahme von Geschwindigkeit, in der Musik beschrieben als ritardando oder accelerando. Diese Tempover&#228;nderungen aber sind als zeitlicher, durchaus messbarer Vorgang an den Rhythmus gebunden. Es w&#228;re an der Zeit, eine Forschungsrichtung zu etablieren, die diesen Zeithorizont nicht aus den Augen verliert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Ich nenne diese Forschungsrichtung kulturelle Rhythmologie.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_7&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Konzeptualisierungen von Zeit und Rhythmus&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Zeit wird in der Kultur der Uhr konzeptualisiert als ein stetig fortschreitendes Ph&#228;nomen (gleichm&#228;ssiges Tempo), das sich nie wiederholt. Jeder Moment ist einzigartig und neu. Das aber entspricht nicht der Lebenswirklichkeit, in der ein Zusammenwirken von Fortschritt und Wiederholung essentiell ist. Tages- und Nachtrhythmen, Jahreszeiten, das Jahr und die Jahrhunderte etc. sind Konzeptualisierungen von Zeitlichkeit, die auf unterschiedlichen rhythmischen Vorstellungen beruhen: Auf dem Prinzip, dass Fortschritt und Wiederholung dergestalt ineinander greifen, dass es zu wahrnehmbaren Ver&#228;nderungen und Verwandlungen eines Immergleichen kommt: Es ist Samstag Abend, 23h am 24.4. Wie oft hat es diesen Tag schon gegeben? Aber den 24.4.2021 gibt es nur ein einziges Mal. Wir wissen nicht, wie genau die Temperaturen und &#252;berhaupt das Wetter sein werden. Wir wissen, dass der Fr&#252;hling kommt. Diese mit der Unendlichkeit verschr&#228;nkte Einmaligkeit war es wohl, die James Joyce dazu veranlasste, seinen gigantischen Roman Ulysses nur an einem Tag spielen zu lassen, in dem sich das ganze Universum spiegelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Zeitlichkeit ist immer schon da. Sie tr&#228;gt unser Dasein, ohne dass es uns bewusst werden m&#252;sste. Zuinnerst sind wir reine Zeit , nannte sich ein Artikel zum Philosophen Henri Bergson. Atmung, Herzschlag, das Gehen, Schlafen und Wachen, sind einem rhythmischen Wechsel von Polarit&#228;t unterworfen, in der es zu endlosen Abstufungen und &#220;berschneidungen kommt. Im Wachtraum, in der D&#228;mmerung. Das macht den Rhythmus und mit ihm die Zeitlichkeit schwer fassbar. Denn einerseits besteht die klare Auspr&#228;gung einer Polarit&#228;t, im Gegensatz und im Kontrast, auf der anderen Seite liegt gerade das zeitliche Moment im &#220;bergang, in der Bewegung von einem Moment in den n&#228;chsten, oder von einem Extrem ins Andere.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Rhythmus ist sowohl diese Polarit&#228;t, wie er ebenso das Dazwischen umschreibt, die Abstufung, den &#220;bergang. Gerade in den &#220;berg&#228;ngen wird eine zeitliche Qualit&#228;t eines langsam und schnell, abrupt oder fliessend, wahrgenommen, die den Rhythmus wesentlich bestimmen. Diese qualitative zeitliche Ebene wurde von der Rhythmusforschung bislang kaum in Betracht gezogen. Aber genau hier setzt die zeitliche Qualit&#228;t des Rhythmus an, der sich nicht in der &#220;bersetzung von gleichm&#228;ssigen Zahlenreihen ersch&#246;pft &#8230;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Die Ziffern 1-10 scheinen neutral den Anstieg von Wertigkeit und Masse anzuzeigen. Die Ziffern in ihrer Umkehrung werden dramatisch, im Countdown. Die vergehende Zeit bedeutet immer auch ein Wenigerwerden von etwas: Leben, unangenehme Situationen &#8230; Einzelne Zeitmomente sind geladen mit Spannung, bilden eine Kette fortlaufender Serien. Wann beginnt Rhythmus, wann h&#246;rt etwas auf, rhythmisch zu sein? Was nehmen wir wahr als rhythmisch, und wie ist die Wahrnehmung selbst verstrickt in Rhythmen der Wahrnehmung?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Blicken wir in die Geschichte zur&#252;ck, so liegt der Beginn der Konzeptualisierung von Rhythmus in den K&#252;nsten - dort, wo Regeln von Sch&#246;nheit aufgestellt wurden, um den zeitlichen Fluss auf angenehme Weise zu gliedern. In der Sprache war das Zeitmass langer und kurzer, resp. schwerer und leichter Silben das entscheidende Kriterium f&#252;r rhythmische Abfolgen. In einer n&#228;chst gr&#246;sseren Zeitebene die Versmasse, die die S&#228;tze in rhythmischem Regelmass verbanden (Knittelvers etc.), der klassischen Metrik. Aristoxenos und Aristides Quintilianus er&#246;ffneten die Gesamtperspektive des Rhythmus auf alle K&#252;nste, die nicht nur zeitliche Abfolgen umfassen, sondern auch Proportionen. War es Goethe, der von Musik als fliessender Architektur sprach und von der Architektur als gefrorener Musik? Wenn wir mit dem Fahrrad die Einkerbungen der Fahrbahn durchlaufen, sp&#252;ren wir genau diese rhythmischen Einkerbungen. Raum ist potentiell erfahrbare Zeit, Zeit ist ein m&#246;glicher Erinnerungs- und Erfahrungsraum. In der Erfahrung von Rhythmus verkehrt sich der Zeitraum zur Raumzeit. Bergson, Deleuze/Guattari &#8230;&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_8&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Rhythmus in der Musik&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Mit der Herausbildung musikalischer Notation bildete sich nach und nach eine sehr komplexe rhythmische Gestaltung heraus, die es erm&#246;glichte, unterschiedliche Stimmverl&#228;ufe in ihrer melodischen Eigenst&#228;ndigkeit dergestalt zu vereinen, dass es zu einem m&#228;chtigen Klangstrom in der niederl&#228;ndischen Polyphonie um 1450 kommen konnte. Unter dem Gesetz der identischen Zeitlichkeit (Tactus) konnten unterschiedliche Geschwindigkeiten miteinander verbunden werden. Mit der Einf&#252;hrung flexibler Tempi um 1600, also der Aufgabe des identischen Zeitmasses, gewann die Verbindung von Geschwindigkeiten eine expressive Bedeutung, die einen Wechsel der Kunstform Musik vom Quadrivium, den mathematischen Wissenschaften der Antike, zum Trivium der poetisch sprachlichen Wissenschaften markierte. Das Sprachgef&#252;hl, der Redefluss von Beschleunigung und Verlangsamung, wie er in Italien u.a. durch Vincenzo Galilei diskutiert wurde, wurde strukturbildend und fand seinen Niederschlag in den Notes inegales auch der franz&#246;sischen Musik. Eine Vereinfachung und Vereinheitlichung des musikalischen Rhythmus, wie sie von Rene Descartes 1647 im compendium musicae vorgedacht wurde, fand seinen Niederschlag in den nachfolgenden Jahrhunderten, in den Kompositionen der Klassik und Romantik. Die achttaktige Periode, wohl aus der Dichtung fr&#252;herer Jahrhunderte und aus Volksliedern stammend und in der Form des 32, bzw, 64 Taktiken Menuetts kulminierend, erm&#246;glichte ein neues musikalisches Formdenken, das den dialektischen Lebensprozess von Wiederholung und Ver&#228;nderung exemplarisch abbildete. Ein Rhythmus im Grossen konnte nun komponiert werden, der den Musikh&#246;renden einen Zugang zu ihrem eigenen Leben, zu ihren Willen und Trieben, wie es Artur Schopenhauer in seinem Hauptwerk &#8222;Die Welt als Wille und Vorstellung&#8220; benannte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Mit der Romantik und der neuen Musik wurden zeitliche Verl&#228;ufe derart differenziert gestaltet, dass rhythmische Ph&#228;nomene sich massiv beschleunigten und eine Wahrnehmung des Rhythmus im traditionellen Sinn schwer machten. Die entstehenden Werke tendierten mehr und mehr zu rhythmischer Individualit&#228;t, zu einem Eigenrhythmus. Insofern reflektierten die Komponisten die Tendenz zur Individualisierung, die sich in der rhythmischen Grossgestaltung, der Form, niederschlug. Der Siegeszug der Popmusik zeigt einen ganz gegenl&#228;ufigen, aber ebenso gesellschaftlich reflektierenden Prozess an, den der Vereinheitlichung. Die Seinsbedingungen zwingen sich mehr und mehr in Normen wie die achttaktige Periode, in der sich das Individuum nur noch als Couleur locale zeigt. Hier feiert der Rhythmus derzeit seine bedeutenden Feste, die von Autoren wie Oliver Sacks wissenschaftlich untermauert werden. Rhythmus steht f&#252;r Eiinheit, nicht f&#252;r Differenzierung. Die Differenzierung ist nicht mehr dem Rhythmus zugeschrieben.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_9&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Methoden des Messens - Prozessuale Balance&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Aber gerade dies muss als Rhythmusph&#228;nomen ernst genommen werden. Denn wir befinden uns inmitten der Problematik von Beschleunigung und Wahrnehmung, einer zentralen Problematik, die nicht nur die k&#252;nstlerische Produktion und Rezeption betrifft, sondern weit mehr die gesellschaftliche Situation im Kreuzfeuer technischer Errungenschaften und ihrer Wahrnehmung und Anwendung im Alltag. Die Revolutionen von Beschleunigung, die von den k&#252;nstlerischen Avantgarden des fr&#252;hen 20. Jhs. ebenso produktiv gemacht wurden wie in der o.g. Philosophie um die Ph&#228;nomenologie, m&#252;ndeten in einer gesellschaftlichen Krise kriegsgef&#228;hrdeter Dynamik, die mit dem Wettr&#252;sten ein &#8218;schneller-h&#246;her-weiter&#8216; als einzige Regel gesellschaftlichen Fortschritts gelten liess. Mit dem von der Soziologie eingef&#252;hrten Zauberwort der Entschleunigung und neuerdings mit Begriffen der Resonanz (Rosa) und sogar der Entnetzung sollen neue Prozesse etabliert werden, die zu einer anderen, differenzierteren Dynamik f&#252;hren als dem vom Kapitalismus sanktionierten Beschleunigungsdenken. Das aber sind s&#228;mtlich zeitliche Prozesse, die aufs Engste mit einem rhythmischen Denken verbunden sind. Nur leider werden diese zeitlichen Prozesse nicht auf rhythmischer Ebene und als rhythmische Ph&#228;nomene untersucht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Schon Friedrich Schiller hatte mit seinem Gedicht der Tanz auf die &#228;sthetische Eigenschaft des Masses hingewiesen, das in der Kunst zu einem harmonischen Ganzen zeitr&#228;umlicher Verl&#228;ufe f&#252;hren kann, in der Gesellschaft aber durch Nichtbeachtung in bedrohliche Situationen. Aber die entscheidende Frage heutzutage ist: was ist eigentlich das Mass, wie und was wird gemessen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Tanz und Musik stehen unter diesem Aspekt als zeitlich basierte K&#252;nste, die - anders als Theater und Dichtung - nicht mit Bedeutungen, sonder.n mit prim&#228;r zeitlich definierten Ausdruckselementen arbeiten, in einer &#228;sthetischen Erziehung des Menschen, wie sie Schiller einst f&#252;r eine Gesellschaft eingefordert hatte, ganz weit vorne im Bildungsprozess von Individuum und Gesellschaft. Und auch diese Vorstellung geht zur&#252;ck auf antikes Denken (s. Artistides)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Karl B&#252;cher, National&#246;konom (Arbeit und Rhythmus) und &#201;mile Jaques-Dalcroze, Musikp&#228;dagoge, den Rhythmus zu einer entschiedenen Gr&#246;sse von Kunst und Leben erhoben, schien zun&#228;chst genau das wahr zu werden, was in der literarischen Klassik zuvor bei Schiller und auch bei Ch. G. K&#246;rner vorgedacht war, eine Verbindung von Kunst und Arbeit als Spiel im Leben. Politisch totalit&#228;re Systeme und technische Errungenschaften wie der Faschismus und das Fliessband aber setzten einzig auf milit&#228;rische Taklung und Gleichschaltung. Das Lebendige des zeitlich Rhythmischen wurde dem Mechanischen unterworfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
In gewisser Weise endet hier die Erfolgsgeschichte des gesellschaftlichen Rhythmus' als ein &#252;bergeordneter Entwurf. Aber dieser Rhythmus von Gleichschaltung war eben nur ein Entwurf unter vielen. Den Rhythmus aus dem gesellschaftlichen Denken zu verbannen hat sich ebenso negativ ausgewirkt wie seine einseitige Verabsolutierung. Was in der Kunst neuerer Zeit sich als produktiv ausweisen konnte, ist nicht die Gleichschaltung des Rhythmus, sondern seine Widerspr&#252;chlichkeit und Differenziertheit: Die Bewusstwerdung unterschiedlicher zeitlicher Ebenen und Prozesse in der Gleichzeitigkeit. Regisseure wie Einar Schleef, Komponisten wie Helmut Oehring, arbeiten mit Ebenen des Klangs, der Sprache und des K&#246;rpers, f&#252;r die sie unterschiedliche Zeiten komponieren (s. Firscher-Lichte). Das Prozessuale steht im Vordergrund und dessen rhythmische Qualit&#228;t zeigt sich nicht in einer verordneten Gleichschritt-Mentalit&#228;t, sondern in einer prozessualen Balance. Unterschiedliche Ebenen entwerfen ihre eigene Zeitlichkeit und kreieren einen Vorgang, wo sich zeitlich unterschiedliche Ebenen ausbalancieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Als in den 90er Jahren die Chaos-Forschung in breiten Kreisen diskutiert wurde, (wieder-) entdeckten Wissenschaftler Ph&#228;nomene, in denen sich Teilchen selbst rhythmisch organisieren, ohne dass es einer vorgeordneten Planung bed&#252;rfte. Rhythmus als zeitlicher Vorgang von Organisation entsteht von selbst. Es ginge darum, ihm nicht im Wege zu stehen. John Cage, in seiner Besch&#228;ftigung mit zeitlich rhythmischen Vorg&#228;ngen in der Musik, schrieb an den Choreographen Merci Cunningham, dass es darum ginge, bestehende Rhythmen nicht durch Eigenm&#228;chtigkeit zu zerst&#246;ren, sondern sie eher h&#246;rbar werden zu lassen. Sein radikalstes Werk diesbez&#252;glich war bekanntlich 4'33.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
In der Stille entsteht das, was der Soziologe Rosa als Resonanz bezeichnet hat. Nebul&#246;s verweist er auf die Notwendigkeit sozialer Rhythmen, die mit dem Einschwingen eine gegenseitige Resonanz erm&#246;glichen. Genau hier m&#252;sste eine Wissenschaft ansetzen, die sehr viel sensibler die Wahrnehmung zeitlicher Ph&#228;nomene und sehr viel pr&#228;ziser zeitliche Prozesse als eine prozessuale Balance beschreiben k&#246;nnen: Dies ist die Aufgabe einer zuk&#252;nftigen Rhythmologie. Diese Sensibilit&#228;t und Pr&#228;zision finden wir vor allem in den zeitlich basierten K&#252;nsten, in der Musik und im Tanz besonders.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_10&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Neue Perspektiven - die kulturelle Rhythmologie&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Der Musikwissenschaftler Hugo Riemann behauptete mit seiner im Jahr 1900 ver&#246;ffentlichten Theorie der musikalischen Rhythmik und Metrik die zweite Hauptdisziplin der Tonkunst entdeckt und begr&#252;ndet zu haben. Dieser Versuch scheiterte; vor allem an einem Denken, das den musikalischen Zusammenhang von Motiven und Klangfortschreitungen als eigentliche Substanz der Musik behauptete und den Rhythmus als &#228;usserlich abtat. Was Riemann tats&#228;chlich entdeckte, war dagegen weit mehr als nur eine Theorie der Musik; er entdeckte die wahrgenommene Zeitlichkeit performativer, heute spricht man von zeitlich basierten - K&#252;nsten. Die Zeitlichkeit ist ein Ph&#228;nomen, an dem die Musiktheorie vorbei schifft. Allein die Abfolge etabliert Zeitlichkeit, das Vor- und Nacheinander. Es geht prim&#228;r um die Verr&#228;umlichung, bzw. Entzeitlichung zeitlicher Ph&#228;nomene, um sie zu beherrschen. Henri Bergson, der franz&#246;sische Philosoph, der als Entdecker der Erlebniszeit (temps dur&#233;e) gilt, machte dieses Ph&#228;nomen der permanenten Verr&#228;umlichung im abendl&#228;ndischen Denken massiv bewusst. Und schliesslich begr&#252;ndete um 1910 der Musiktheoretiker Jaques-Dalcroze das Gebiet der Rhythmik, angetrieben durch seine Beobachtung, dass Instrumentalisten und S&#228;ngerINNen sich nicht rhythmisch zur gespielten Musik bewegen k&#246;nnen. Seitdem wurden in vielen anderen Wissenschaften Prozesse des Zeitlichen ins Zentrum ger&#252;ckt. Alle diese Erkenntnisse fussen auf ein und der derselben Idee, dass sich Ph&#228;nomene einzig durch ihre konkrete Zeitlichkeit begreifen lassen. Diese auf verschiedensten Gebieten praktizierten Erkenntnisse und Methoden liessen sich unter einem Dach vereinigen, das ich als Rhythmologie bezeichne.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Die Rhythmologie ist ein inter- und multidisziplin&#228;res Aufgabengebiet, das das Wissen von Kultur, Natur-, Lebens- Wirtschaftsrhythmen untersucht und von den kleinsten Teilchen bis zu kosmischen Dimensionen reicht. Der Betrachtung dieser unterschiedlichen Ph&#228;nomene ist gemeinsam ihr zeitlicher Prozess, in dem sie stattfinden. Ph&#228;nomene in ihrer Zeitlichkeit zu betrachten, in ihrer jeweiligen &#8222;Eigenzeit&#8220;, um den Terminus Helga Nowotnys zu aktualisieren, ist stets in den jeweiligen Wissenschaften und K&#252;nsten ein sekund&#228;rer Faktor, der einer prim&#228;ren, zeitenthobenen abstrakten Betrachtung folgt. Aber in Gebieten vor allem der Chronobiologie, neuerdings auch der Chronopharmakologie wurden und werden die Fragen nach der Zeitlichkeit zentral und bedeutsam.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
In erster Linie aber geht es um jene Wissenschaft in der Rhythmologie, die das Ph&#228;nomen begr&#252;ndet hat: Die Musik. Und so augenf&#228;llig die Wahrnehmung des Rhythmus in der Musik gewesen ist und immer noch gegenw&#228;rtig ist (mehr denn je, durch Popmusik und HipHop), selbst in der Musikwissenschaft blieb die Frage nach dem Rhythmus ein sekund&#228;res Gebiet. Nur kurzzeitig, um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert waren alle Weichen gestellt, das Ph&#228;nomen ins Zentrum zu r&#252;cken. Entstanden sind monumentale Kompositionen wie Strawinskys Le sacre du printemps und das Fachgebiet der musikalischen Rhythmik, verbunden mit dem erw&#228;hnten Namen Jaques-Dalcroze. Jedoch konnten seine Nachfolgerinnen und Nachfolger dessen Erbe nur verwalten und keine neuen Impulse setzen, weshalb das Fach tendenziell stagniert. Die Rhythmologie bem&#252;ht sich um diese neuen Impulse, indem sie die Ans&#228;tze von Dalcroze weiter denkt; aber nicht nur sie. Auch Choreographen wie Laban gaben wichtige Ideen f&#252;r ein Denken im Rhythmus, das die Bewegung in den Vordergrund stellt, das Werden, die &#220;berg&#228;nge, und nicht das statische Sein.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_11&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Rhythmologie und Kommunikation&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Wenn die Urzeit menschlicher Kultur zum Argument f&#252;r Entwicklungen angef&#252;hrt wird, stehen die Fakten meist auf t&#246;nernen F&#252;ssen. F&#252;r den Rhythmus gilt dies in besonderer Weise, denn er wird - mythologisch oder &#8218;aufgekl&#228;rt' - als ein Beginn jeglicher Entwicklung gesetzt. Roland Barthes in seinem Aufsatz &#8218;Zuh&#246;ren&#8216; bem&#252;hte den Rhythmus als Beginn menschlicher &#196;usserung im Wechsel von Zeichen und Nichtzeichen (Ruhe, Stille, Pause, Zwischenraum etc.). Die &#196;usserung, verbunden mit Wandzeichnungen und H&#228;user bauen (sesshaft werden, ein Gebiet / Territorium abstecken) steht im engen Zusammenhang mit Kommunikation (mit Menschen, Gott, dem Universum, dem Stamm, der Gemeinschaft etc.). Hierhin geh&#246;ren auch die Rauchzeichen, die Nachrichten &#252;ber weite Strecken optisch &#252;bermitteln konnten, aber hierhin geh&#246;ren auch neuere Techniken der Informationsvermittlung, wie etwa dem Morse-Alphabet, das mittlerweile im Kulturerbe eingetragen ist und noch zu bestimmten Anl&#228;ssen funktioniert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Rhythmus erm&#246;glicht h&#228;ufig die Kommunikation, im Wechsel zwischen Sender und Empf&#228;nger und damit verbunden als Dialog (mindestens zwei Instanzen). Besonders komplex gestaltet sich diese rhythmische Kommunikation in &#8218;real time&#8216; Abl&#228;ufen. In den zeitbasierten K&#252;nsten wie Musik, Tanz und Theater (ebenso Film als non real time) ist die Kommunikation zwischen Instanzen eine sehr spannende und &#228;sthetisch relevante Ebene. Eben hier sind Metrum und Rhythmus von entscheidender Bedeutung in der Gestaltung, wobei im zeitgen&#246;ssischen Theater die Rhythmen freier und unnachvollziehbarer inszeniert werden. Ebenso in der neuen Musik, was eigentlich ein Wunderwerk der Kommunikation ist, wie in solch komplexen Klanggesten eine zeitliche Organisation pr&#228;zise hergestellt werden kann (aber weder die Musik&#228;sthetik, noch die Zuh&#246;rerschaft interessiert sich f&#252;r dieses Ph&#228;nomen). Die neue Musik allerdings, statt Freiheiten einzur&#228;umen, die die Ausnahmen bildeten (Cages Zufall, Lutoslawskys aleatorischer Kontrapunkt), differenzierte das Zeitsystem zu einem unglaublich feinen Instrumentarium (Stockhausens Tempo-Glissando), das den Ausf&#252;hrenden allerdings fast zu Zeitsklaven werden l&#228;sst. Derzeit aktuelle polytempische Musik funktioniert bei Auff&#252;hrungen meist &#252;ber das Abschotten und Nichth&#246;ren anderer Mitspieler. Die Kommunikation bei der Auff&#252;hrung wird taub. Zwei ganz unterschiedliche Formen der Kommunikation zwischen Theater und Musik, die kaum zu vermitteln sind und sich daher h&#228;ufig wie feindliche St&#228;mme gegen&#252;ber stehen. Dennoch stehen in beiden Kulturen die Zeitabl&#228;ufe unter rhythmischer Gestimmtheit. Fischer-Lichtes Rhythmusbegriff in der &#8218;&#196;sthetik des Performativen&#8216;, als zentral veranschlagt, aber nur sporadisch ausgef&#252;hrt, st&#252;tzt sich auf die Auffassung des &#196;hnlichen gegen&#252;ber dem Gleichen (Metrum). Der Rhythmusbegriff in der neuen Musik fokussiert vollst&#228;ndig auf die Z&#228;hlbarkeit der Zeitwerte und kommt &#252;ber das reine Messen nicht hinaus. Im Zwischenraum des Ungef&#228;hren und des empirisch Nachpr&#252;fbaren klafft eine immense L&#252;cke, die gerade dasjenige ausspart, worum es beim Rhythmus in kommunikativen Prozessen geht: Die Kommunikation selbst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Stellen wir Popmusik und Neue Musik gegen&#252;ber. Die Popmusik f&#252;ttert das Publikum mit Allgemeinpl&#228;tzen und Stereotypen, f&#252;hrt aber eben auch zu einer Nachvollziehbarkeit der Musik. Die 8 taktige Periode (oder Phrasenstruktur) nimmt einen sehr prominenten Stellenwert ein. Die Ablehnung dieses bekannten Kommunikationsmittels lehnt die neue Musik vollst&#228;ndig ab als ein grunds&#228;tzlich falsches Denken, da es nicht die Kl&#228;nge selbst betrifft. Das ist nur nachvollziehbar bei einer Verengung der Perspektive, die wie bei Sch&#246;nberg die musikalische Substanz allein im Motivischen oder Distematischen, in den entzeitlichten Tonh&#246;hen, findet. Schon bei Bartok, einem wichtigen Repr&#228;sentanten neuer Musik, der sich um die theoretischen Grundlagen von Musik als Ethnologe verdient gemacht hat, greift dieser Ansatz nicht mehr. Rhythmus und Metrum sind substanzielle Bestandteile von Klang und Musik und daher nicht auszuschliessen. Seine asymmetrischen Metren, wesentliche Bestandteile f&#252;r die zeitliche Organisation motivischen Materials, machten dies deutlich. Und von der Perspektive der Kommunikation aus gesehen, ist Rhythmus zeitliche Voraussetzung f&#252;r das Erklingen von Musik &#252;berhaupt. Neue Musik und ihre Wissenschaft befinden sich in einer Aporie. Sie beklagen sich &#252;ber mangelnde Wahrnehmung des Publikums, erzeugen aber selbst Strukturen, die eine Kommunikation von Sendern und Empf&#228;ngern fast verunm&#246;glichen, indem sie die wahrnehmbar zeitliche Gestalt der Musik als peripher abtun. Popmusik geht den umgekehrten Weg. Der Rhythmus mit seinem permanent pr&#228;senten Groove setzt eine Niederschwelligkeit bei der Wahrnehmung, die an Manipulation grenzt. Das Publikum goutiert es. Auch hier klafft eine L&#252;cke der Kreativit&#228;t von Rhythmus, die derzeit nur von Musik-Nischen produktiv gemacht wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Ganz offensichtlich treten Kommunikationsstrategien des Rhythmus bei Projekten wie &#8218;Rhythm is it&#8216; zutage. &#8230;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Sp&#228;testens an dieser Stelle, bei der Arbeit mit Jugendlichen, wird schmerzlich offensichtlich, dass es nicht darum gehen kann, einen funktionierenden Rhythmusbegriff schlicht zu &#252;bernehmen und ihn auf andere gesellschaftliche Ebenen unreflektiert zu &#252;bertragen. Die Crux dieses Projekts ist nicht, wie das Projekt abl&#228;uft, sondern was als selbstverst&#228;ndlich verschwiegen wird: der Rhythmus selbst.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_12&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Rhythmologie als Zeitmanagement&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Und vor allem ginge es darum, in der Rhythmologie das Wissen um den Rhythmus in allen Gebieten zu mobilisieren, um ein Bezugsnetz zu schaffen, das den Namen von inter- trans- und multidisziplin&#228;r verdient. Es geht darum, bestehende Rhythmen zu erkennen und zu analysieren, und Rhythmen zu kreieren, die bis in alle Lebensbereiche eine Rolle spielen k&#246;nnen. Es geht, um es modern auszudr&#252;cken, um ein Zeitmanagement; verstanden als eine Form von Prozessualit&#228;t, in der das Wechselspiel von Dogma und Freiheit beobachtet und eingesch&#228;tzt, aber nicht verordnet wird. Wir stehen gegenw&#228;rtig vor einer gewaltigen Herausforderung: der Weltgesundheit. Anscheinend ist die Gesellschaft und vor allem die Politik nicht in der Lage, Prozesse in Krisensituationen anzuleiten, die gleichermassen die Bedrohung wie auch die darin sich bewegende Lebenswelt zu ber&#252;cksichtigen. Die Lockdown - Rhythmen sind Massnahmen ohne gen&#252;gende Differenzierung und &#220;berg&#228;nge, es sind metrische Massnahmen. Es bedarf weiterer, vielleicht anderer Werkzeuge und es bedarf eines anderen Denkens, um diese Krisen zu bew&#228;ltigen. Ein wesentlicher Faktor dabei ist der gesellschaftliche Rhythmus. Rhythmus im Grossen, verstanden als Raum/Zeitmanagement.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Sicherlich, dies sind Fragen der Zukunft, Spekulationen; aber sie sind durchaus begr&#252;ndet und notwendig. Und was ist Vision und Forschung anderes als gut begr&#252;ndete Spekulation? Fragen der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reichen aber lassen sich hier sehr viel pr&#228;ziser und mit einem begr&#252;ndeten kritischen Bewusstsein stellen. Etwa die Frage zum Herzrhythmus, die jedes Lebewesen betrifft. Sind nicht auch hier ganz unterschiedliche wissenschaftliche Zug&#228;nge am Werk, je nachdem, was und wie sie sie den Herzhythmus messen? Die Medizin mit dem Stethoskop oder ECC, die Psychologie mit dem Polygraph, die Philosophie der Romantik mit der Innigkeit, die Musik als expressiv-mimetische Praxis. Ist nicht das Herz Paradigma eines Ausgleichsorgans zwischen Denken und F&#252;hlen, zwischen physiologischen Prozessen, wie es der Mediziner Thomas Fuchs beschrieben hatte? Und gibt nicht das Herz den Groove f&#252;r das Gehirn vor, in dem sich das Bewusstsein zeitlich entfaltet? Solche interdisziplin&#228;ren Fragen sind Beispiele f&#252;r die Notwendigkeit einer Kultur, die zeitliches Management f&#252;r die Menschen und nicht an ihnen vorbei konzipiert. Menschen sind zeitliche Wesen in einer sich entwickelnden Gesellschaft. Zwei Gr&#246;ssenordnungen, die es im Wechselspiel zu ber&#252;cksichtigen gilt. Ein Pl&#228;doyer f&#252;r das Zusammenspiel von Rhythmus und Metrum, bei dem keines von beiden die Oberhand gewinnen darf, sondern stets im Spiel einer prozessualen Balance sich gegenseitig ausgleicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Vor allem Management ist es daher bedeutsam, eine theoretische Bestimmung vorzunehmen, nicht im Sinne einer theoretischen Verengung, sondern um eine Integrit&#228;t dem Forschungsbegriff gegen&#252;ber zu gestatten. Kulturelle Rhythmologie k&#246;nnte alles sein; aber was es vor allem nicht ist, ist die musikalische Rhythmik und Metrik, die sich in engen Grenzen der Zeitlichkeit und in noch engeren ideologischen Bahnen zeitlicher Symmetrie bewegt. Dennoch geht die Rhythmologie von der Musik aus als dem zentralen Moment rhythmischer Erfahrung. Rhythmus im Grossen, in der klassischen Musik noch eine h&#246;rend nachvollziehbare Gr&#246;sse, indem immer weitere zeitliche Abst&#228;nde symmetrisch aufeinander bezogen sind und den Zeitverlauf gliedern, ebenso nachvollziehbar in der Popmusik und ihrer z&#228;hen Achttaktigkeit, ist f&#252;r eine sich fortschrittlich d&#252;nkende Musikwissenschaft obsolet geworden; verkennend dabei aber, dass es sich hier um ein Mittel der musikalischen Kommunikation handelt, das universal anwendbar ist. Daher ist - pointiert ausgedr&#252;ckt - die Fortschrittlichkeit in diesem Fall erkauft durch eine unbegr&#252;ndet elit&#228;re Geste, die einzig das omin&#246;s Neue, rein Individuelle gelten l&#228;sst. Dass es auf der anderen Seite problematisch ist, dieses funktionierende Tool der Achttaktigkeit als einzige Form gelten zu lassen und alles andere als wom&#246;glich umrhythmisch zu bezeichnen, ist dabei nicht weniger prek&#228;r. Es ginge darum, Vielf&#228;ltigkeit und Differenzierungsverm&#246;gen zu entwickeln, ohne dabei grundlegende und funktionierende Ph&#228;nomene aus den Augen zu verlieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Aber Rhythmus ist vor allem auch eine T&#228;tigkeit und die F&#228;higkeit, Rhythmen pr&#228;zise ausf&#252;hren zu k&#246;nnen, ist universal und f&#252;hrt zu einer Sensibilit&#228;t, die zeitliche Prozesse ins Bewusstsein bringt. Interessant etwa eine Anmerkung des Dirigenten Daniel Barenboim, der das Problem von politischen Sitzungen grunds&#228;tzlich benannte als ein Problem von Zeitmanagement. Wie Kurzstreckenl&#228;ufer sich schnell verausgaben und f&#252;r die l&#228;ngere Strecke keine Puste mehr haben, so verpuffen die Energien in Sitzungen, um am Ende aufgrund mangelnder Ausdauer zu keinen oder zu mangelhaften Ergebnissen zu kommen. W&#228;re es nicht katastrophal sich auszumalen, dass schlecht durchdachte Gesetze Ergebnis einer rhythmisch unzureichend geplanten Sitzung geschuldet sind?&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_13&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Arbeit am Rhythmus - anstatt Arbeit und Rhythmus&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Man k&#246;nnte ewig feilen an der Gestalt eines Rhythmus, an der L&#228;nge seiner einzelnen Proportionen, an der Verbindung und Trennung der einzelnen Impulse, ihrer Beschaffenheit im Gleichgewicht - Rhythmus ist Liebe zum Detail, auch wenn es so scheint, dass dort alles mit dem Hammer produziert sei. Aber all die Fragen von Proportionen, von Farbzusammensetzungen, von der Gestaltung Vorder- und Hintergrund, all das hat mit Rhythmus zu tun und wird von Praktikern - meist intuitiv - inszeniert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Die Herstellung von Rhythmus in seiner elementarsten Gestalt ist das Trommeln, ein Akt der Gl&#252;ckseligkeit, der Kommunikation. Was wissen wir von den V&#246;lkern, die gemeinsames Trommeln praktizieren, und denen wir materielle Armut unterstellen, w&#228;hrend wir Mitleid empfinden und nicht trommeln k&#246;nnen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Rhythmus ist vor allem Kommunikation, Genauigkeit, &#220;bereinstimmung. Wenn die Gruppe trommelt und wirklich &#252;bereinstimmt, dann entsteht Etwas, dann wird Etwas anwesend, als st&#228;nde der Rhythmus wie ein Geist personifiziert im Raum. Der Rhythmus macht das Abwesende anwesend, w&#228;hrend die Melodie das Abwesende permanent als Abwesendes herbei sehnt und betrauert. Musik befindet sich immer an der Grenze zu einer anderen Welt, der Klangwelt, sie beschreibt eine Schwelle: Mit der Melodie, die das Christentum im kontrapunktischen Denken so in den Vordergrund r&#252;ckte und den Rhythmus aus dem Fokus dr&#228;ngte - ausgenommen die fr&#252;hen Notationen und Ges&#228;nge des Perotin und der isorhythmischen Motette.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;BR/&gt;
Aber so sehr Rhythmus im Detail wirkt, er wirkt vor allem auch im Grossen. Die Popmusik atmet noch die Archaik einer grossen Mozart Sinfonie, wie die &#8218;Jupiter&#8216;, die den Rhythmus zu einer werkumspannenden Kategorie machte. Und genauso funktioniert der Rhythmus, er pulst von der kleinsten Einheit bis in die endlose Spanne von Jahrmillionen, jeweils auf verschiedenen Ebenen, wie die repetitive Musik Steve Reichs diese Beziehung von Geschwindigkeit im Mikropuls und der langsamen Prozesse der Melodiebildung erfahrbar macht. Es liegt an uns, welche Pulsebenen wir gerne aktivieren m&#246;chten: einen Moment, Bruchteil einer Sekunde, die Universalit&#228;t eines Tagesablaufs, Ulysses von James Joyce, den Rhythmus eines ganzen Lebens (Marcel Proust), die kosmische Bewegung von Ewigkeit, Messiaens Quartett f&#252;r das Ende der Zeit /Quatuor pour la fin du temps -. Und genau diese Frage stellt die kulturelle Rhythmologie.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034; id=&#034;outil_sommaire_14&#034;&gt;&lt;a title=&#034;Sommaire&#034; href='https://www.rhuthmos.eu/spip.php?id_auteur=407&amp;page=backend#outil_sommaire' class=&#034;sommaire_ancre&#034;&gt; &lt;/a&gt;Abschliessende Bestimmung: Kulturelle Rhythmologie und prozessuale Balance&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;&#214;konomie und Ethnologie hatten zu Ende des 19. Jahrhunderts den Stein ins Rollen gebracht. Die &#246;konomische Theorie, Arbeit und Spiel im Rhythmus zu verbinden, schaute Karl B&#252;cher von den - so genannten - Naturv&#246;lkern ab. Was daraus resultierte, wissen wir heute besser als damals. Fordismus und Postfordismus spannen die Individuen in einen Zeitablauf von Maschinen, denen die Menschen sich unterzuordnen haben. Zwar haben sich die Maschinen entwickelt und die Rhythmen verfeinert, aber an der Erkenntnis prozessual zeitlicher Abl&#228;ufe hat sich im Diktat nicht viel ge&#228;ndert. Es ist umfassender und unfassbarer geworden, in Gestalt der Algorithmen. Dem gegen&#252;ber stehen Theorien in der Soziologie, die dem Maschinenzeitalter den individuellen und k&#252;nstlerischen Prozess entgegen setzen. Rosas erw&#228;hnte Theorie gesellschaftlicher Resonanz und aktuelle interdisziplin&#228;re Forschungen, wie sie in dem Buch Synchronisation - Rhythmus - Resonanz von der Physik bis zur Psychotherapie versucht werden, schliesslich die Rhythmologie Pascal Michons, die Verbindungen zwischen &#228;sthetischem und gesellschaftlichem Denken in ihren historischen Entwicklungen ausfindig macht, sind aktuellste Beispiele, wo eingefordert wird, dass sich kommunikative Prozesse in gesellschaftlichen Rhythmen gegenseitig einschwingen m&#252;ssten. Diese Fragen stellen grosse hypothetische Anleihen. Und in dieses Vakuum zwischen verordneter Maschinenrhythmik der &#214;konomie und der utopisch selbstbestimmten Welt der Soziologie formiert sich die kulturelle Rhythmologie als ein Bindeglied von Sensibilit&#228;t, Pr&#228;zision, Flexibilit&#228;t und analytischer Tiefensch&#228;rfe, indem sie sich auf die Suche begibt nach interdisziplin&#228;ren prozessualen Balancen.&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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