Berthold Vogel

Die Rhythmen des Sozialen

Article publié le 1. Februar 2015

Pour citer cet article : Berthold Vogel , « Die Rhythmen des Sozialen  », Rhuthmos, 1. Februar 2015 [en ligne]. http://rhuthmos.eu/spip.php?article1450
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Aufsteigen oder verarmen, Beschleunigung oder Stillstand - im Werk des französischen Soziologen Pierre Bourdieu spielt Zeit eine grosse Rolle. Die Wochenzeitung Nr. 10/2009. Wir danken Berthold Vogel für die Erlaubnis, seinen Text zu reproduzieren.


Der Begriff der Prekarität avancierte in den vergangenen Jahren zum Signalwort neuer sozialer Ungleichheiten. Das gilt insbesondere mit Blick auf die Arbeitswelt. Im Begriff der Prekarität geht es aber nicht nur um den Zuwachs von Niedriglohngruppen, es geht nicht nur um neue, unsichere Formen der Beschäftigung oder um versperrte Zugangswege zur Erwerbsarbeit für Geringqualifizierte. Immer ist auch ein zeitliches Moment im Spiel, wenn die Rede auf prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse kommt. Denn die soziologische Debatte um Prekarität verweist darauf, dass ein Gutteil der Arbeitswelt im Zuge betrieblichen Umbaus, technischer Innovation, politischer Deregulierung und neuer kultureller Ansprüche an die Erwerbsarbeit aus dem Takt geraten ist.

 Nicht alles wird schneller

Damit sind wir beim Rhythmus der Gesellschaft. Dieser spielt in der Soziologie des 2002 verstorbenen Pierre Bourdieu eine zentrale Rolle. Exemplarisch sind hier seine frühen Analysen zur wirtschaftlichen Transformation der algerischen Gesellschaft zu nennen, etwa «Die zwei Gesichter der Arbeit». In diesen Analysen entsteht ein soziologisches Gefühl für die Bedeutung der Zeit. Bourdieu zeigt, dass allen sozialen und ökonomischen Übergangsprozessen eine spezifische Rhythmik des Sozialen zugrunde liegt. Seine Sozioanalyse schärft den Spürsinn für die Harmonien und Disharmonien des Sozialen.


Dieser Spürsinn für den Rhythmus hat nur wenig mit den Thesen zur Beschleunigung der modernen Gesellschaft zu tun, wie sie von Philosophen wie Paul Virilio vorgetragen werden. Gerade die Diskussion um Arbeitslosigkeit, Armut und Prekarität zeigt doch, dass keineswegs «alles immer schneller wird». Interessant sind gerade die gegenläufigen Prozesse der Verlangsamung und des gesellschaftlichen Stillstandes. In Pierre Bourdieus Werk «Die feinen Unterschiede» sehen wir beides - das Tempo sozialen Wandels, aber auch retardierende Momente: Wir erkennen, wie rasch bestimmte soziale Milieus und Klassen zerfallen, aber auch welche sozialen Beharrungskräfte wirken; wir bemerken, dass Gesellschaften wieder ihren Rhythmus finden, indem sich in neuer Weise taktgebende soziale Gruppen etablieren. Und wir sehen, dass das Soziale immer ein Konfliktfeld ist, innerhalb dessen um den richtigen Rhythmus, um die dominante Zeitordnung in Gesellschaften gestritten wird.


In diesem Sinne lassen sich Gesellschaften nach ihren Zeitordnungen unterscheiden - nach Verlangsamung, Beschleunigung oder Stagnation. Auf diese Zeitordnungen nehmen Recht und Politik, Religion und Bildung, aber auch Klassen-, Generationen- und Geschlechterbeziehungen Einfluss. Am Beispiel der Soziologie Bourdieus lassen sich der Rhythmus der Gesellschaft und die Zeitlichkeit des Sozialen an drei Feldern zeigen: am wirtschaftlichen Handeln, an der Herstellung von Familienbindungen und sozialen Beziehungen, an den sozialen Laufbahnen.

 Wirtschaft als Zeitordnung

Das uns vertraute moderne ökonomische Handeln und Denken wird von der Entwicklung eines spezifischen Verhältnisses zur Zeit geprägt. Alle unsere ökonomischen Begriffe verweisen auf Zeitordnungen: Das Sparen, der Kredit und die Investition sind nichts anderes als die Repräsentation eines besonderen sozial geprägten Verhältnisses zur Zeit. Sparen, Kredit und Investition sind der Ausdruck einer ausschliesslichen Fixierung auf die Zukunft.


Während bäuerliche Gesellschaften aus der Vergangenheit heraus leben und das Vergangene durch bestimmte zyklisch wiederkehrende Arbeitsformen und ritualisierte soziale Handlungen gegenwärtig halten, lebt die moderne Ökonomie alleine mit Blick auf die Zukunft. Die Vergangenheit gilt es zu überwinden und zu zerstören, die Gegenwart ist alleine als Startpunkt in die Zukunft von Interesse. Die Vernichtung des Vergangenen, das Nichtruhenkönnen in der Gegenwart sind die Prinzipien modernen kapitalistischen Wirtschaftens. In der Konfrontation bäuerlichen und industriellen Wirtschaftens werden die unterschiedlichen Rhythmen, die auseinandergehenden Moralvorstellungen und die entgegengesetzten Vorstellungen von den Anforderungen der Arbeitswelt und den Verpflichtungen sozialer, zum Beispiel familiärer Bindungen sichtbar. Arbeit und Tätigsein sind in industriellen Arbeitsgesellschaften nicht mehr die Wiederholung des Vergangenen, sondern die Produktion von Zukunft. Daher auch die wachsende mentale und symbolische Bedeutung der Erwerbsarbeit - wer nicht an der Erwerbsarbeit teilhat, hat keinen Anteil an der Zukunft der Gesellschaft. Erwerbsarbeitslose sind «Zukunftslose».

 Zeit für die Familie?

Der Rhythmus der Gesellschaft zeigt sich in den zeitlichen Investitionen, die notwendig sind, um familiäre Bindungen zu schaffen und zu erhalten. Mit dem Siegeszug der industriellen Moderne, der auch ein Siegeszug der staatlichen Gestaltung der Sozialbeziehungen ist, entfällt der strikte Verpflichtungs- und Bindungscharakter der Arbeit, der für bäuerlich geprägte Gesellschaften so typisch ist. Hier werden je nach Jahreszeit und Lebenszyklen (Geburt, Hochzeit und so weiter) immer wieder alle Hände benötigt, und die Verweigerung der Arbeit kommt in diesen Arbeitskulturen einer Zerstörung des Sozialen gleich. Diese Formen der kooperativen Arbeit verlieren in der Moderne ihren Status als soziale Verpflichtung und als Ausdruck der familiären Gebundenheit. Die regulierte Erwerbstätigkeit, die ausserhalb des Hauses verrichtet wird, steigt auf zur zentralen Vermittlungsinstanz von Status und Prestige, zum Generator von Identität und Zugehörigkeit und zum Medium der individuellen Selbstbestätigung und Selbsterfahrung.


Familie erfordert hingegen eine andere Art der Arbeit (der Sorge, der Pflege, der Zuwendung) und eine andere Ordnung der Zeitstruktur. Die Gründung einer Familie oder der Aufbau stabiler Sozialbeziehungen sind nicht als zeitlich begrenztes Projekt bearbeitbar, sondern bedeuten lebenslange Verpflichtung und Bindung. In einer modernen, erwerbsarbeitszentrierten Ökonomie, in der Verpflichtung, Bindung und Loyalität in wachsendem Masse als Flexibilitäts- und Mobilitätshindernis wahrgenommen werden, drohen Investitionen in familiäre Zeitordnungen zu riskanten Fehlinvestitionen zu werden. Gegen dieses Risiko kommen weder gute Worte noch staatliche Hilfen an. Wer glaubt, Familiengründungen alleine durch staatliche Kinderkrippenprogramme steuern zu können, unterschätzt die besondere Zeitqualität der Lebensform Familie.


Der Rhythmus der Gesellschaft zeigt sich schliesslich in den Zeitspannen, die soziale Aufstiege kosten und an denen sich soziale Abstiege ablesen lassen. Wir sehen den langen, mühsamen Weg nach oben, aber auch den rapiden Aufstieg. Doch wir erkennen auf dieselbe Weise die rasche Unmittelbarkeit oder die quälende Langsamkeit sozialer Abstiege. In den sozialen Verschiebungen des Strukturgefüges der Gesellschaft spiegeln sich soziale Laufbahnen. Wenn wir auf die Soziologie Bourdieus schauen, dann erkennen wir, dass er sich gerade hier als eindrucksvoller Empiriker und Theoretiker wirtschaftlicher Dynamiken und sozialer Geschwindigkeiten erweist - zum Beispiel im Band «Reflexive Anthropologie», den er zusammen mit Loïc Wacquant verfasst hat. Gesellschaftlicher Wandel wird als ein temporeiches und variationenreiches Kräftespiel aufgezeichnet. Bourdieu zeigt, dass von den Tempi und Rhythmen dieses Spiels unterschiedliche Orte, Milieus, Gruppen, Klassen im sozialen Raum auf unterschiedliche Weise ergriffen werden. Die Beschleunigungen und die Verlangsamungen kennen stets Gewinner und Verlierer - die interessante Frage ist: Wer sind in Alltags- und Arbeitswelt die Beschleuniger, wer sind die Bremser und Aufhalter?


Eine soziale Folge veränderter Zeitordnungen ist die Herausbildung eines neuen Subproletariats, das sich aus den zerfallenden Strukturen der bäuerlichen Welt rekrutiert. Wer ist gefangen in einer unerquicklichen Gegenwart der Gelegenheitsarbeiten und gezwungen, sich in einem Niemandsland sozialer und beruflicher Prekarität, provisorischen Wohnens und familiärer Entwurzelung aufzuhalten? Die Beschleunigung der wirtschaftlichen Verhältnisse zerstört rasch traditionelle Strukturen des Sozialen und führt zu erneutem Stillstand, der allerdings mit dem Stillstand einer bäuerlich-vorindustriellen Ökonomie nichts mehr zu tun hat. Es ist ein Stillstand, der keine Vergangenheit, aber auch keine Zukunft mehr kennt. Wer sind die, die mit ihrer Vergangenheit brechen müssen, um eine Zukunft zu haben? Mit diesen Fragen treffen wir auf Absteiger und Deklassierte, auf Emporkömmlinge und Besitzstandswahrer.

 Gefangene der Gegenwart

«Prekarität» ist gerade kein materieller oder rechtlicher Statusbegriff, sondern ein Begriff, in dem ein bestimmtes Verhältnis zur Zeit aufscheint. In einem seiner populärsten Texte, «Prekarität ist überall», formuliert Pierre Bourdieu: «Paradoxerweise muss man - wie ich in meinem frühesten und vielleicht zugleich aktuellsten Buch über Arbeit und Arbeiter in Algerien gezeigt habe - wenigstens ein Minimum an Gestaltungsmacht über die Gegenwart haben, um (...) die Gegenwart unter Bezugnahme auf einen Zukunftsentwurf zu verändern. Im Unterschied zum Subproletarier verfügt der Proletarier über dieses Minimum an gegenwärtiger Gewissheit und Sicherheit, das die Grundvoraussetzung dafür ist, überhaupt die Idee in Betracht zu ziehen, die Gegenwart in Bezug auf die erhoffte Zukunft umzugestalten.» Die Proletarier leben vom Versprechen auf eine bessere Zukunft. Die Prekarier sind dagegen Gefangene einer nicht enden wollenden Gegenwart.


Eine Gesellschaft, in der das Prekariat dominiert, wäre in der Lesart Bourdieus eine stagnierende Gesellschaft, die sich selbst keine bessere Zukunft mehr zutraut. Sie ist zu sehr mit ihrer Gegenwart beschäftigt. So gesehen, ist Prekarität weniger ein statistisches Messproblem (wie viele Prekarier gibt es genau und wer gehört alles dazu?), sondern vor allem ein Zeitproblem, genauer ein Rhythmusproblem. Die Prekarität deutet auf ein grundlegend verändertes Verhältnis der kollektiven Rhythmen, Tempi und Takte des Sozialen hin. «Prekarität ist überall» heisst dann nicht, dass wir alle früher oder später zu prekär Beschäftigten werden, sondern dass ein Gutteil der Gesellschaft aus dem Takt geraten ist. Einen neuen Rhythmus des Sozialen zu finden, ist nicht zuletzt eine wissenschaftliche und politische Aufgabe; eine Aufgabe, der sich Bourdieu in den letzten Jahren seines Lebens intensiv gewidmet hatte, und eine Aufgabe, der wir uns heute von sozialwissenschaftlicher Seite weiterhin zu widmen haben. Wir müssen einen neuen Rhythmus für eine Gesellschaft finden, für deren «Taktlosigkeit(en)» an immer mehr Orten ein viel zu hoher Preis zu entrichten ist.

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